Dr. Isabelle Azoulay – zur Portraitsammlung von Lutz Teutloff, Berlin im November 2010

Dr. Isabelle Azoulay ist eine französische Autorin, Philosophin und Soziologin, die u.a. Essays über Sexualforschung, Feminismus und Kunst verfasst.

Selbst die bestechende Tilda Swinton mahnt uns mit Hussein Chalayan auf beunruhigende Weise zu schweigen, oder gar zum Innehalten…die Angst in ihren Augen wird eine Weile unser Gedächtnis tyrannisieren.
Für einen Sparziergang durch Lutz Teutloffs Portraits und Abteilung für inszenierte Photographie sollte man sich warm anziehen.
Denn jenseits von den Ikonen, mit denen Utopien gestemmt wurden, wie Burri´s Che Guevara, Robert Salas’ Portraits Fidel Castros oder die posierenden Politiker von Robert Lebeck portraitiert, lassen uns die Ein- und Ausblicke auf Haupt- und Nebenwege, die wir bei so einem Rundgang aufdecken, keine Ruhe. Das Irritierende dominiert, und wir haben Mühe bei dem Sturm auf unsere Gewissheiten standzuhalten. Ob es von Roger Ballen der süß bittere Einblick in heillose Armut ist, die über Müllhalden irrende Braut von Tracy Emin, mit Micha Brendel die wütenden Übermalungen oder mit Gerd Bonfert die verstörenden Unschärfen sind… diese Auswahl schont uns nicht. Sie bezwingt uns.

Allenthalben lauert eine bedrohliche Ambivalenz. In unserem Bekenntnis zur Ohnmacht werfen wir die Wunschmaschine an. Sie stellt sich dar wie eine Nebelmaschine, vorerst verstehen wir nichts. Keine glatten Träume entspringen aus dieser Quelle. „Die Schönheit wird konvulsivisch sein, oder sie wird nicht sein“ hatte bereits André Breton verkündet. Alle Überforderungen dieser Welt haben ihre Spuren hinterlassen. Unser Lebenselan, unsere Faszination tragen schweres Gepäck. Im Mitteilungsdurst wird immer ein Stück Phantasie in Schach gehalten. Wir toben und glauben uns frei und kreativ und nichts anderes als die Schatten unserer Dämonen kommen dabei heraus! Und wir? Die Betrachter? Wir wollen verführt werden. Etwas soll passieren, ein Fest, eine Überraschung oder eine Katastrophe, etwas was die Zeit anhält. Wir vergeuden unsere Zeit mit Warten auf Abenteuer, die nicht kommen wollen, das einzige Ereignis bleibt dabei dieses Warten, als sei das Abenteuer eine kapriziöse Liebhaberin, die sich unter so vielen aufteilen müßte, die auf unsere Ermüdung setzt und dabei flüstert: Da Du mich schon ewig nicht kommen siehst, wie wäre es denn mit der Vorstellung, dass es mich nicht gibt? Orientierungslos fallen wir durch die Welt und suchen nach der Sinnlichkeit, die uns ein Refugium einräumen könnte, Nähe, Wärme. Und in der moralischen Grauzone des Alltags, dort wo wir die schlimmsten Widersprüche ertragen, entsteht mit diesen Bildern tatsächlich eine Wiedergewinnung der Sinnlichkeit, wie bei Marilyn Monroe über dem Luftschacht von Garry Winogrand. Die positiven Utopien waren in ihrer Moralität, Sauberkeit und Ordnung immer mit dem bloß Wirklichen verschwistert. Unser korrumpierendes Auge, das stets getäuscht werden möchte, sucht in der Kälte unserer Existenz trauertrunken nach Trost. Vielleicht finden wir ihn in der Musik, wie bei Jaume Plensa’s traurigen Portraits zu Arvo Pärt, Carl Orff und Alban Berg. Wir überwintern im durchkalkulierten Unvergnügen der Vernunft und hoffen auf eine Amnesie, in der der Rausch und seine Betäubung uns touchieren mögen. Wir träumen uns im Schwitzbad der Passionen, während wir den vielen Attrappen gegen die Einsamkeit hinterherhecheln. Die Kassierung aller Intimität, der kollektive Geständnis- und Entblößungszwang haben die Dinge noch brisanter gestaltet. Ohne Vermittlung von Teufeln und Schlüssellöchern haben wir uns ins Abseits manövriert. Und dort warten wir auf den Lockruf der Sirenen. Eine bereitstehende Karosse möge uns bitte mit der Aura des Großartigen davonführen. Im falschen Leben das Wahre propagieren hat uns restlos erschöpft.

In der Sturheit von Vernunft bäumt sich all unser Überschreitungsvermögen auf. Spärliche Ventile lassen uns flach atmen. Und die vielen photographischen Handschriften, die Lutz Teutloff zusammengeführt hat, stellen nahezu ein Familienalbum dar. Die entstellten Visagen in den Collagen von Blume, die konstruierten Folterszenen von Schwarzkogler, die Totenmasken von Gillian Wearing, der eingeseifte Mann von Zhang, die Selbstportraits mit Masken bei Felix Gonzales Torres - diese Spiegelung vom Panoptikum unserer Ängste lassen eine bedenkliche Diagnose erstellen. Wie die zahlreichen Bilder einer Computertomographie, die uns die tranchierten Ansichten unseres Gehirns zeigen können, so bilden diese photographischen Handschriften eine beunruhigende Landkarte unserer Phantasie. Während die von Tränen des Eros genässten Leichentücher am Straßenrand ausgewrungen werden, torkeln wir in eine rückhaltlose Unterwerfung, trauen uns nichts mehr verbindlich einzufordern, und schmeißen uns mit der besten aller Hoffnungen in einem inflationären Ausverkauf des Neuen nur so hin. Die Erfindung von Botox krönt mit Ironie unsere Verzweiflung, in Konkurrenz zu den Schaufensterpuppen von Helmut Newton. Glätten was nicht mehr zu glätten geht, noch und immer wieder, wie Blaubarts Frau ohne Unterlass die Schlüssel der verbotenen Kammer schruppt und schruppt, und das verräterische Blut nicht aufhört, aus diesen verdammten Schlüssel zu strömen.

Aber einen unerwarteten Moment gibt es doch. Das Glück, das stets ausbleibt, und das zu erwarten man über der Bewältigung der Lebensnot bereits vergessen hatte, findet doch seine Umrisse. Unsere Sehnsucht, von der Logik des Alltags eingeschüchtert, findet im Augenblick, den Tilda Swinton beschwichtigt, eine Spur. Unser Blick hält ihrem Blick stand und wir können uns nicht satt sehen. Da wird greifbar, warum Kunst uns sooft melancholisch stimmt, ganz abgesehen davon, dass sie das Erziehungsprogramm der Kultur unterläuft… wir können aufatmen.