Tattoo – The Face of Freedom

Teutloff Museum live @ Tattoo Convention Berlin
04.08. - 30.11.13

Kuratiert von Prof. Dr. h.c. Peter Weibel,
Leiter Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM), Karlsruhe

Tattoo - Fotos zur Ausstellung
Tattoo - Video zur Ausstellung
Tattoo - Kuratorischer Kommentar

Kuratorischer Kommentar

von Prof. Dr. h.c. Peter Weibel

Das Tattoo, ursprünglich das Tatau, ornamentalisiert die Haut und abstrahiert damit den Alltag. Das Tattoo ist eine Maskierung der Haut und kennzeichnet den Körper selbst als Ort der Phantasie. Durch den bemalten Körper - durch das Tattoo - wird der Körper selbst exotisch. Der tätowierte Körper kennt keinen normalen Alltag mehr, es gibt nun mehr einen exotischen und erotischen Alltag.

Den Körper mit Zeichen zu bedecken ist wie das Öffnen einer Tür. Einer Tür zum Paradies, zu einem anderen Ort, zu einem utopischen Ort.
Der Körper selbst wird dieser Heterotopos. Der Körper selbst wird dieser utopische Ort. Die Tür des Tattoos führt in das Theater der Illusionen, wie bei Genet, in das Theater der Wünsche wie im Traum. Die Tür des Tattoos führt in das Zimmer der Kindheit, in die Kammer des Unbewussten.

Sich zu Tätowieren ist wie ein Haus zu bewohnen, ein unheimliches Haus, das ein vertrautes Haus wird. In der eigenen Haut wie in ei nem Hause zu wohnen, das du selbst entworfen hast. Man richtet sich her mit einem Tattoo. Was richtet man her? Man richtet etwas her, das kaputt war. Das Tattoo richtet das beschädigte Leben her. Das Tattoo ist eine Tapete - eine zweite Haut. Die Haut ist nämlich ein zentraler Schauplatz des Phantasmas der Lust.

Wird das Subjekt, das Individuum durch die Tätowierung zum Fetischojekt? Die Funktion des Fetischobjektes ist es Übergangsobjekt zu sein. Durch die Tätowierung wird der Körper zu einem Übergangsobjekt zwischen dem Selbst und den Anderen. Die Haut dient dabei als erogene Zone und ist Schauplatz der Lust und ihrer Verbote. Wer ist aber derjenige, der nicht die nackte Haut liebt?
Sondern nur die zweite Haut, die bemalte - die bezeichnete - tätowierte Haut.

Tataus - Tätowierungen sind eine Kategorie der zweiten Haut. Tätowierungen, von den Schamlippen bis zu den Oberarmen sind Hyroglyphen der zweiten Haut. Die Kleidung, das Mieder, das Korsett, die Lack-, Leder- und Gummianzüge, sind wie die gepeitschte Haut, die geritzte Haut, die bemalte Haut, die durchbohrte Haut, die tätowierte Haut. Sie alle sind Auseinandersetzungen mit einer Grenze. Die Haut ist diese Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen dem System des Selbst und dem System der Welt, zwischen individual und sozial, zwischen Ich und Gesellschaft.

Wer also auf der Grenze der Haut operiert, will die vereinbarten Kontrakte zwischen dem System des Selbst und dem System der Welt stören, weil sie Ihn selbst verstören. Die Haut ist jene Grenze, jener Schauplatz, auf dem das Selbst versucht jene Vereinbarungen und Verträge zwischen den Systemen des Selbst und den Systemen der Welt zu verändern.

Der Tätowierte will die Balance zwischen Ich und Welt, zwischen Es, Ich und Über-Ich neu finden und neu definieren. Den Kampf der Konfliktparteien, des Über-Ichs und der menschlichen Triebe, verlagert der Tätowierte von innen so weit wie möglich nach außen, an diese äußerste Grenze, die Haut, weil er diesen Kampf nicht anders und nicht länger mehr ertragen kann. Mit dem Tattoo kann das Subjekt Grenzen überziehen, überzeichnen, überschreiben. Grenzüberschreitung ist das Ziel und das Zeichen des Tatau.

Die Haut ist der Schauplatz der Schrift. Damit des Gesetzes der symbolischen Ordnung - des Namens des Vaters. Der Tätowierte akzeptiert diese symbolische Ordnung nicht, wie im Ödipusmythos beschrieben. Der Tätowierte agiert als Anti-Ödipus. Der Platz des Vaters bleibt leer. Der Tätowierte verwandelt die Schrift des Vaters inseine eigene Schrift. Die Schrift der Hölle in die Schrift des Paradieses. Sein soziales Selbst definiert der Tätowierte selbst, in dem er auf der Haut sich selbst umschreibt und neu bezeichnet und neu phantasmasiert.

Von den silbernen Lederkleidern Courrèges zu den Plastikkleidern der Mary Quant, von den verschnürten Kleidern Versaces zu den Sicherheitsnadeln, den Piercings und Tätowierungen der Punkkultur, aber auch bis in die mondäne Welt der Haute Couture und Fashion-Modells, sehen wir, dass die Mode nichts anderes ist als eine einzige gigantische Fabrik der zweiten Haut, eine domestizierte Kunst der Tätowierung.

Tätowierungen und Piercings sind kleine Bühnenstücke auf der Oberfläche der Haut, Inszenierungen und Maskierungen, wobei die Haut selbst die Bühne ist. Genau hier ereignet sich das Drama des Gesetzes: die Unterwerfung und die Auflehnung. Der Tätowierte ist der Pirat im Drama des Gesetzes.