The Face of Freedom

Deutscher Reichstag Berlin
01.10.12 - 14.03.13

 

> Virtuelle Ausstellung im Deutschen Reichstagsgebäude

 

Kuratorischer Kommentar
von Prof. Klaus Honnef, Bonn

Freiheit ist ein großes Wort. Verwendet wird es für alles Mögliche. Und nicht selten missbraucht. Das Gesicht der Freiheit hat viele Züge. Auch widersprüchliche. Die Freiheit eines Volkes ist nicht identisch mit der Freiheit eines einzelnen Menschen. Die individuelle Freiheit, die außer Meinungsfreiheit auch die Unverletzlichkeit des Körpers garantiert, ist eine Errungenschaft westlicher Kultur. Unterschiedliche Kulturen haben unterschiedliche Auffassungen von Freiheit.

Freiheit hat ihren Preis. Sie fordert Opfer. Selbst in Ländern und Gesellschaften, die sich als frei bezeichnen, muss sie jeden Tag neu erkämpft werden. Gegen staatliche, ökonomische, bürokratische, kulturelle und ideologische Mächte. Von ihren Segnungen verwöhnt, vergessen das viele. Manche verwechseln Freiheit mit Rücksichtslosigkeit.

Die virtuelle Ausstellung „Das Gesicht der Freiheit“ im Reichstag zeigt Sieger im Kampf um die Freiheit. Vor allem aber dessen Opfer. Die Politikerin Aung San Suu Kyi steht symbolisch für den Kampf um politische Freiheit. Ebenso wie der verwundete namenlose Soldat (Adam Nadel) mit dem zerschundenen Gesicht. Muhammed Ali (Thomas Hoepker) für die individuelle Freiheit, dank physischer und geistiger Geschicklichkeit, Mut und Durchsetzungskraft. Ebenso wie der namenlose Chinese (Liu Bolin), der sich gegen eine totalitäre Ideologie behauptet. Ludwig Erhard (Yousuf Karsh), der legendäre deutsche Wirtschaftsminister, steht für einen sozial gebundenen Freiheitsbegriff. Der nicht minder legendäre Che Guevara (René Burri) auf der Gegenposition für den utopischen der permanenten Revolution.

Die meisten Opfer des Kampfes um Freiheit haben keine Gesichter. Sie zahlen anonym mit ihrem Leben oder ihren Gliedern (Joao Silva und Dario Mitidieri). Manchmal sehen Dich die Opfer an! In den besorgten Gesichtern der Frauen und Mütter (Stanley Greene und Adam Nadel) und den unbefangenen Gesten der Kinder (Margie Geerlinks, Dario Mitidieri und Alice Smeets) zeigt sich die Sehnsucht nach Freiheit unmittelbar. Ihre Freiheit ist am meisten bedroht. Durch Willkür, Krieg und Armut gleichermaßen. Kriegsversehrte (Adam Nadel) erkämpfen sich mit großen Anstrengungen eine persönliche Freiheit im Sport. Sie wirken in den Bildern glücklicher als die verdrießlichen Zivilisationsmenschen.

Assoziativ knüpft die Ausstellung unsichtbare Bezüge zwischen den Bildern. Ein Beispiel für andere: Ein König (Yousuf Karsh), der auf seinen Thron verzichtete, um zu heiraten, wen er wollte. Daneben die Künstlerin (Elke Krystufek), die ihre künstlerische Freiheit nutzt, um sich in provozierender Pose zu präsentieren. Der König hatte Sympathie für den Nationalsozialismus. Auf dem Bauch der Künstlerin befindet sich eine Zeitschrift mit einem Nazi-Symbol.

Triumphale Bilder kommen nicht vor. Allenfalls sind es kleine Triumphe. Bilder des Glücks sind Ausnahmen. Und die Menschen darin sichtbar beschädigt (Nina Berman und Boris Mikhailov). Obwohl zahlreiche Verfassungen die Freiheit der Kunst garantieren, fehlt es nirgendwo an Versuchen, sie einzuschränken. In den totalitären Staaten dient die Kunst häufig als Waffe im Kampf um die Freiheit. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist sie bestrebt, das Sehen und damit das Denken herauszufordern. Sie entwirft eine andere Sicht auf die Dinge als die übliche. Eine unvertraute und deshalb kritische Sicht, in der man sich nicht einrichten kann. Freiheit ist nicht naturgegeben. Bisweilen geht die Kunst über die Grenzen, ist unerträglich. Die Freiheit im Alltag hört auf wo die Freiheit der anderen beginnt. Die Freiheit der Kunst ist grenzenlos. Denn der Geist weht, wo er will.