SLOUGHT FOUNDATION | New Futures for Contemporary Life
4017 Walnut Street, Philadelphia, PA 19104-3513, www.slought.org
Text von Aaron Levy, Senior Curator, September 2007
Vor mehr als 20 Jahren begann der Kunstsammler Lutz Teutloff sich auf Foto- und Videoarbeiten zu konzentrieren, die sich mit den permanenten Verwandlungen des Menschen und des menschlichen Körpers auseinandersetzen.
Daher bezeichnen sowohl die individuellen Kunstwerke der Sammlung Teutloff, als auch die Sammlung selbst einen kritischen Kommentar an der „condition humaine“ und den allgemein gravierenden Veränderungen in unserer Zeit. Damit ist die Sammlung beispielhaft, was den thematischen Ansatz einer Kunstsammlung angeht.
Weiterhin verkörpert sie die zunehmende Faszination an dem sich ändernden Konzept der „menschlichen Würde“ in einem Zeitalter der technologischen und kulturellen Wandlungen. Die Sammlung wurde und wird in einer Zeit zusammen getragen, in der der menschliche Körper zunehmend zu einem angeblich selbstverständlichen und instrumentalisierten „Gegenstand“ herabgesetzt wird. All dies geschieht unter dem allgegenwärtigen Blick sowohl der kommerziellen Medien und biologischen Wissenschaften, als auch unter dem der Öffentlichkeit, die von einem übertriebenen Körperkult und Gesundheitswahn geprägt ist.
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Das Konzept
Ein Text von Prof. Klaus Honnef, Bonn im Januar 2006
Body-Affairs oder bodyaffair oder Bodies-Affair –
Ein besonderer Blick auf die Sammlung Teutloff
Während sich die Körper angesichts der kommerziellen und zugleich universalen Medienwelt allmählich in bloße Chimären zu verwandeln drohen, wächst das Interesse an der psychologischen Seite der Existenz nicht nur in Kunst und Wissenschaften, sondern auch in der privaten wie der gesellschaftlichen Sphäre.
Zahlreiche Ausstellungen und Publikationen bezeugen die künstlerische und wissenschaftliche Aufmerksamkeit; Körperkult und Gesundheitswahn demonstrieren die allgemeine. Das Interesse der Künstler an Fragen des Körpers scheint in dem Maße gewachsen zu sein, wie sich die technischen oder elektronischen Medien die Kunst erobert haben (oder umgekehrt).
Früher als andere hat der Sammler Lutz Teutloff ein besonderes Gespür für künstlerische Bestrebungen entwickelt, gerade in den körperlosen Medien Fotografie, Film und Video die bedrohte Körperlichkeit zu thematisieren und die vielfältigen Herausforderungen, denen die Körper konfrontiert sind, gleichzeitig zu vergegenwärtigen. Dabei dienen die Bilder der Medien als facettenreiche und häufig gebrochene Spiegel, die eine Art Zustandsbericht über die Lage und Befindlichkeit des Körpers in der spätmodernen Welt liefern.
Das Projekt „Body-affairs“, bestehend aus einer umfangreichen Ausstellung und einem selbständigen Begleitbuch, versammelt beispielhafte Werke der Sammlung unter einem bestimmten Gesichtspunkt. Die Werke erschöpfen sich nicht im selbstreflexiven Gestus der modernen Kunst, sondern vergegenwärtigen im Zuge einer „Selbstüberschreitung der Medialität in der Medialität“ (Jacques Derrida) die vorherrschenden gesellschaftlichen, politischen, kulturellen Zusammenhänge und Bezüge der Gegenwart. Da künstlerisch-ästhetische Gesichtspunkte gleichwohl allein für die Auswahl entscheidend waren, versteht sich das Projekt nicht als Illustration außer-künstlerischer Faktoren, vielmehr reflektiert es diese ausschließlich im zugespitzten Fluchtpunkt der Kunst.
Sämtliche künstlerischen Werke bilden einen kritischen Kommentar zur „condition humaine“ vor der Folie tiefgreifender Veränderungen im Übergang vom zweiten zum dritten Jahrtausend. Sie beziehen als Kunstwerke eine dezidiert politisch-„parteiliche“ (keine partei-politische) Position. Darin unterscheidet sich das Projekt „Body-affairs“ maßgeblich von allen bisherigen Projekten zum Thema Körper. So spannt sich sein Bogen von den existentiellen bis zu den gesellschaftlichen Einschreibungen des Körpers, von seinen privaten bis zu den öffentlichen Rollen, von der Geburt über das Werden bis zum Vergehen im natürlichen oder nicht natürlichen Tod. Der Körper erscheint in exemplarischer Form als Gegenstand (und Spielball) von Politik und Geschichte, Gesellschaft und Kultur, ebenso als Objekt alltäglicher Gewalt, sei es in der Familie, sei es im sozialen Miteinander, auch als Objekt der subtilen Gewalt der Massenmedien, als Quelle der Lust und des narzistischen Genusses, als Ziel der Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, als Opfer eines sowohl immanenten als auch äußeren Zerstörungswillens, als Ausdruck und Gegenstand des Verlangens nach Vollkommenheit sowie nicht zuletzt als Motiv der Kunst.
Dabei wird sein sozialer Ort und sein architektonisches Umfeld nicht ausgespart. Denn sein Auftritt ist stets konkret. Sein Bild vergegenständlicht sich in den vielfältigsten Erscheinungsformen und Medien. Einige gezielt ausgewählte Zeugnisse aus Malerei und Skulptur, den körperhaften Medien, schärfen den „physiologischen“ Sinn für die spezifische Erscheinungsform der körperlosen Medien Fotografie, Film und Video.
Die einzelnen Werke werden assoziativ miteinander verknüpft, so daß sich in den Zwischenräumen überraschende Einsichten ergeben, und in den Installationen wird der Körper der Betrachter selbst zum Spieler des Körperdramas, das sich in den Werken anschaulich und fesselnd entfaltet. Endlich manifestiert sich in dem Projekt „Body-affairs“ ein neuer und ungewohnter Blick auf die zeitgenössische Kunst, zumal es auch Werke unterschiedlicher kultureller Herkunft, West wie Ost, enthält.
Bonn im Januar 2006, Klaus Honnef
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Die Lutz Teutloff Collection
Die Sammlung Teutloff vereint eine thematische Stringenz mit besonderer Qualität in erstaunlicher Breite.
Der Körper, die Sinnlichkeit, der Sexus – das waren Themen der Malerei und Skulptur über Jahrhunderte und Künstler wie Leonardo, Rubens, Manet, Toulouse-Lautrec oder Lempicka haben dieses Thema mit Farbhymnen und Formschwüngen ausgelotet. Die Fotografie schien in ihrem anfänglichen Schwarz-Weiß und der distanzierenden Technik eher für das Dokumentarische und Experimentelle geeignet – und doch sehen wir von den frühesten Anfängen dieses Mediums an, dass immer wieder Künstler auch das Medium der Fotografie auf Grund der anziehenden Nähe das Objekt der Begierde in eine sinnliche Materie verwandeln können, so dass sich diese wahre Freude direkt vermittelt.
Diese Sammlung Teutloff konzentriert sich auf der einen Seite auf diesen Aspekt des Körpers und der Sinnlichkeit, sie weitet zugleich den Blickwinkel aus auf Dokumentarisches, Politisches, Experimentelles und Ironisches – also nicht ein Stil, ein Land, eine Zeitepoche steht als einendes Band über der ganzen Sammlung, sondern der Wunsch nach einer möglichst umfassenden Breite der Sichtweisen auf den menschlichen Körper. Vielleicht ist hier sogar das Wort Bestandsaufnahme gerechtfertigt, denn die Sammlung umfasst Wegbereiter und Stars, anerkannte und erfolgreiche Fotografen sowie Künstler, deren Oeuvre mehr der Malerei (Anton Henning) , Skulptur (Erwin Wurm) oder Performance (Vanessa Beecroft) gewidmet ist – genauso wie Fotografen, die seit Jahrzehnten mit ihren Fotos unseren Blick auf die Welt geprägt haben (Stefan Moses, Will McBride, Thomas Hoepker u.v.a.m.). Klassiker, deren Werke wir seit Jahrzehnten aus den besten Magazinen kennen (Hilmar Pabel, Michael Ruetz, Barbara Klemm, Robert Lebeck, Evelyn Richter, Annie Leibovitz, Martin Parr u.v.a.) stehen in der umfangreichen Liste neben Kunstmarktstars (Rosemarie Trockel, Andy Warhol, Jürgen Klauke, Richard Hamilton u.v.a.m). Preisträger des höchsten englischen Kunstpreises, dem Turner-Preis der Tate Gallery (Wolfgang Tillmans) des Kaiserrings Goslar (Matthew Barney) neben Fotografen, die die höchste Auszeichnung der Fotografie erhalten haben (Cindy Sherman) Künstler, deren gesellschaftliches Engagement wir schätzen (Alfredo Jaar, Nan Goldin u.a.) neben den Großen der Modefotografie wie F.C. Gundlach, Horst P. Horst – ganz zu schweigen von den internationalen Meistern der erotischen Fotografie wie Helmut Newton und Nobuyoshi Araki.
Auffallend ist die Breite auch in der nationalen Herkunft und der Arbeitsfelder: alle wichtigen Nationen sind mit bedeutenden Künstlern vertreten, von Russland über China bis Amerika – es ist eine wirklich im besten Sinne internationale, globale Sichtweise in dieser Sammlung.
Vier Jahrzehnte umfasst die Sammlung, doch die Vielfalt der künstlerischen Haltungen, der Stile und Handschriften ist noch vielfältiger, denn die Älteren wie Leni Riefenstahl, Henri Cartier-Bresson, Lucien Clergue oder Robert Doisneau sind bei aller Unterschiedlichkeit weit entfernt von den Jungen wie Una Szeemann, Ingrid Mwangi oder Aurelia Mihai. Amerikaner, Chinesen, Japaner, Russen, Deutsche – doch heute sind diese Künstler vielfach global tätig und keiner Nation mehr zuzuordnen, Berlin oder New York sind Anziehungspunkt, wie London oder Düsseldorf.
Die Sammlung zeichnet die Unvoreingenommenheit aus, große Namen sind mit wichtigen Werken dabei wie jüngere, eher Unbekannte, wenn deren Fotos attraktive Bereicherung für den Sammler darstellten. Gerade bei der thematischen Konzentration sind dem Sammler doch immer wieder erfreuliche Entdeckungen gelungen, junge, frische, zukunftsträchtige Sichtweisen gelungen.
Lebendigkeit und sinnliche Ausstrahlung, satte Fülle, einige der wichtigsten Klassiker der Fotokunst und doch auch immer wieder Überraschungen sind dem Sammler gelungen auf einem Feld, das nunmehr hier einen überbordenden Reichtum besitzt.
Prof. Dr. Wulf Herzogenrath
Direktor Kunsthalle Bremen, 2007
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Lutz Teutloff Collection
Sensationelle Körper / Sensational Bodies
Der Körper existiert nicht. Die Vereinheitlichung, die wir gewöhnt sind, ist eine Schimäre. Existenz schließt notwendig Vielheit ein. Bevor wir sie als Wissenschaftler in UntersuchungsHaft, als Architekten in WohnHaft oder als Kritiker in BeugeHaft genommen haben, sind Körper diffus, anarchisch, divers, subtil, vielfältig, zum Kotzen oder schlicht anbetungswürdig. Das waren sie in der Vergangenheit, das sind sie gegenwärtig, und das werden sie auch künftig sein. Körper sind prinzipiell widerständig, auch gegenüber den Techniken, mit denen sie ins Bild gesetzt werden.
Die Teutloff Collection ist in mehrerer Hinsicht etwas ganz Besonderes. Sie versammelt Werke extrem unterschiedlicher Künstlerpositionen wie Christian Boltanski, Cartier-Bresson, Vanessa Beecroft, Dieter Appelt, Jürgen Klauke, Annie Leibovitz oder Thomas Florschütz. Sie schafft Begegnungen von jungen und noch um ihr internationales Ansehen ringenden Künstlern wie Aurelia Mihai oder Philip Goldbach mit Weltstars der Bildenden Künste wie Bruce Nauman, Gilbert & George, Nan Goldin, Mathew Barney oder Cindy Sherman. Die Sammlung ist ein schierer Sinnenreiz, mit weit über 700 Werken in den verschiedensten Ausdrucksformen und medialen Realisierungen: Photos, Videos, Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen, Readymades, komplette Installationen.
Das Einmalige an der Teutloff Collection ist aber, mit welcher Konsequenz sich der Sammler auf ein einziges Thema konzentriert hat. Er verfolgt es seit Jahrzehnten neugierig wie ein Forscher, der permanent auf Expedition ist. Seine Obsession sind Körper in der unendlichen und faszinierenden Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungen in der zeitgenössischen Bildenden Kunst. Teutloff verfiel nicht der Versuchung, sein leidenschaftliches Thema in einem einzigen Konzept zu vereinheitlichen. In der wirklichen Kunst gibt es keine Stangenware. Er respektiert den Körper im künstlerischen Bild als etwas, das nur in schillernder Heterogenität zu begreifen und ständig als Sensation zu feiern ist.
Lutz Teutloff hat seine Aufmerksamkeit schon früh auch den jüngsten Künsten gewidmet. Von Anfang an sammelte er medienkünstlerische Arbeiten unterschiedlichster Herkunft und Handschrift und unterstützte so gerade die ersten Generationen der neuen Künste riskant und wirksam. Den medialen Kern der Teutloff Collection bilden deutlich die künstlerische Photographie und das künstlerische Video.
Zum Beispiel Arbeiten der Wiener Aktionskünstlerin und langjährigen Medienkunst-Professorin
Valie Export: die Künstlerin im provozierenden Ganzkörper-Portrait, mit der Kalaschnikoff im Anschlag und mit weit geöffneten Schenkeln gegen den Blick des Betrachters gewendet, ihre nackte Scham freigebend, über der ihre Jeans im Dreieck ausgeschnitten sind. Das Bild ist zur Ikone der Provokation des Weiblichen geworden. Das waren und sind Exports große Themen, der aufbegehrende, der verletzte Körper, der anatomisch erfasste und trotzdem zugleich erotische Körper, wie in ihrer jüngsten Arbeit: endoskopische Aufnahmen ihres Kehlkopfes, die schwingenden Stimmbänder beim Sprechen, die innere Vagina, die Export auch auf der Biennale 2007 in Venedig in einer provozierenden Performance enthüllt hat. Im krassen Gegensatz dazu etwa die waghalsigen Inszenierungen des Japaners
Nobuyoshi Araki mit seinen kunstvoll gefesselten Frauen, waaghalsige Gradwanderungen zwischen Ästhetisierung pathologischer Praxis und Bondage-Kitsch. Oder am anderen Pol die hochgradig irritierenden Photos des russischen Künstlers
Boris Mikhailov. Er macht das normalerweise nicht Sichtbare sichtbar: die ausgestoßenen, die geschundenen, die süchtigen Körper von Alkoholikern, Obdachlosen, von der etablierten Gesellschaft verachteten Subjekten, Unterworfenen. Der Künstler belichtet diese Welt des Abschaums nicht nur einfach, sondern verleiht seinen Protagonisten durch das Bild wenigstens für den Augenblick der Photographie Respekt, mitunter sogar Würde.
Teutloffs Neugierde auf die neuen Medien hat schon früh zu Ankäufen digitaler Photographien oder gar C-Prints geführt, ein riskantes Unternehmen, mit dem er etliche mutig arbeitende KünstlerInnen kräftig auf ihrem Weg in den Markt unterstützt hat.
Anthony Aziz + Sammy Cucher verfremdeten schon zu Beginn der 1990er mit digitalen Mitteln die Oberflächen von männlichen und weiblichen Körpern. Durch den Einsatz des Computers wurden sie ihrer geschlechtlichen Identität oder wichtiger Sinnesorgane wie des Mundes oder der Augen beraubt, allein im Bild versteht sich. Sie sind mit Beispielen aus den Serien „Faith, Honor and Beauty“ (1992) und „Dystopia“ (1994) vertreten.
Lyn Hershman konstruierte mit
Robert Breitmore in den siebziger Jahren eine künstliche Frauenfigur, die von den Begierden gekennzeichnet war, die auf das Weibliche projiziert wurden. In den 1980er und 1990ern entwickelte sie sich zu einer der großartigen Pioniere in der mit technischen Medien agierenden Künstlerszene und wird von Vielen als herausragende Heroin gefeiert. Die Teutloff Collection ermöglicht einen eindrucksvollen Überblick über ihr Schaffen, von den frühen Bildern der Roberta über die schwarz-weißen Montagen aus Körpern und Medienapparaten bis hin zu Bildern aus der berühmten „digitalen Venus“-Serie der 1990er.
Ein faszinierendes Mikro-Universum für sich stellen die videographischen Arbeiten der Teutloff Collection dar. In markanten Positionen enthält sie das gesamte Spektrum von künstlerischen Verwendungen und Inszenierungen des elektronischen Bildermediums der letzten Jahrzehnte.
Eine wichtige Funktion von Video war es von Anfang an, Performances, flüchtige Ereignisse, Fluxus-Aktionen aufzeichnen zu können, die ansonsten für die Nachwelt endgültig verloren gewesen wären. So enthält die Sammlung zum Beispiel künftige kunsthistorische Juwelen wie die umfangreichen Aufnahmen der sechstägigen Version von
Hermann Nitsch’s „Orgien Mysterien Theater“, die im September 1998 in Prinzendorf aufgeführt wurde, und in der auch der österreichische Pabst des Avantgarde-Films, Peter Kubelka, in einer ungewöhnlichen Rolle zu sehen und zu hören ist: Er leitet eine „Choralschola“ in der Schlosskapelle und begleitet sie zugleich selbst stimmlich.
In Nitsch’s Inszenierungen von Blut- und Opfer-Ritualen werden Tiere geschlachtet, auseinander genommen, ihre Innereien auf die menschlichen Körper drappiert, die aber selbst unverletzt bleiben.
Sigalit Landau formulierte mit „Barbed Hula“ (2001) eine radikal andere Position, die sie mit der Videokamera filmte. Vor einem laut tosenden Meer am Strand bewegt eine nackte Frauenfigur einen Hula-Hoop-Reifen um die Hüften, den Kopf durch den Bildrahmen abgeschnitten, wie in Courbiers Gemälde „Ursprung der Welt“. Der Ring ist allerdings nicht aus dem üblichen glatten Plastik gefertigt, sondern wurde aus grobem Stacheldraht geflochten, wie eine riesige Dornenkrone. Mit jeder Bewegung wird der weibliche Körper tiefer durch die Tortur gekennzeichnet; eine Referenz auch an die Grand Dame der Videokunst, Valie Export, die mit solchen Selbstzerstörungen als Kunstaktionen vor dreieinhalb Jahrzehnten international Aufsehen erregte, wie ihr männliches Pendant aus dem Wiener Aktionistenkreis, der 1969 gestorbene
Rudolf Schwarzkogler, der photographisch ebenfalls in der Sammlung vertreten ist.
Bei solchen Aufzeichnungen ist die elektronische Kamera nicht in erster Linie künstlerisches Medium. Sie ermöglicht das vorübergehende Dokumentieren von Kunst, die sich vor dem Apparat und für den Apparat abspielt.
Phillip Goldbach, der gerade mit seinen hervorragenden Photoarbeiten auf der nationalen Szene erscheint, demonstriert das mit seinem Video „Sprechen“ (2001), in dem er mit der völlig überzogener Artikulation von Versen Rainer-Maria Rilkes gegen den mächtig gewordenen Bild- und Tonspeicher anzureden scheint.
Durchaus in Analogie zum Spielfilm zu betrachten sind Inszenierungen wie
Tracey Emin’s „Sometimes the Dress is Worth More Money than the Money“. Die britische Skandalkünstlerin läuft, torkelt, tanzt in einem üppigen Brautkleid zur Musik Enrico Morricones aus „The Good, the Bad and the Ugly“ durch eine bizarre südliche Landschaft, die aus jedem billigen Italo-Western ausgeschnitten sein könnte. In das teuer aussehende Designerstück sind Geldscheine genäht, womit die Arbeit auch als ein ironischer Kommentar zum Kunstmarkt und seinen völlig vom Werk abgekoppelten Preisen betrachtet werden kann.
Hochgradig zwischen den verschiedenen Stühlen – wie auch zwischen den verschiedenen Kulturen des Ostens und des Westens Europas - bewegt sich die junge rumänische Künstlerin
Aurelia Mihai mit „Das ist die Stunde“ (2002). In formal ausgeklügelter Präzision inszeniert sie einen eigentümlichen Ort, die Bibliothek in der Villa des Bestsellerautors Lion Feuchtwanger in den Hügeln von Los Angeles, in der einst die ins Exil getriebene Elite der deutschen Kultur ein- und ausging, und die heute als Residenz für besonders Begabte benutzt wird. Zwei Mädchen spielen ordentlich das Lesen von Büchern: ein verwirrendes Spiel zwischen Disziplin im Großen und Ganzen und Aufbegehren im Minimalen. Letzteres gilt nicht für das Video
Ingrid Mwangis, das schon unter dem Titel „Neger“ (1999) mit provokativem Gestus auftritt. Mit dramatischem Duktus und nahezu tänzerischer Präsenz inszeniert die Künstlerin, die zwischen den Kulturen Afrikas und Europas hin- und herschwebt, ihre eigene Körperlichkeit, sowohl mit Blick auf die Klischees, die ihr alltäglich entgegengeschleudert werden, als auch in der Suche nach einer möglichen eigenen Identität.
Den manipulierenden Eingriff ins elektronisch gewordene Bild praktizieren eine Reihe der Arbeiten, die auch in der Ausstellung enthalten sein werden, die vom 12. Dezember 2007 bis zum 9. Februar 2008 in der Slought Foundation in Philadelphia zu sehen sein werden:
Micha Kleins ineinander gemorphte Frauenportraits in „Classic Artificial Beauty“ von 1998 etwa, die an Schlachterhaken schwingenden, singenden, stöhnenden Fleischteile in
Patricia Piccininis „In Bocca al Lupo“ (2003), aber in spezifischer Weise auch
Una Szeemanns „Thrill Me“ aus dem Jahre 2004, indem die Künstlerin unendlich erscheinendes Filmmaterial aus der Karriere Michael Jacksons vom kindlichen Superstar zur Maske des Show-Business hintereinander montiert hat.
Eine ganz eigene Welt schafft hingegen das atemberaubende Spiel, das der chinesische Künstler
Zhou Xiaohu mit seinem eigenen realen und vielen gezeichneten Körpern inszeniert hat. „The Gooey Gentlemen“ (2002) ist eine filmische Animation, die auf der Haut des Künstlers aufgetragen wurde, wobei es immer wieder rätselhaft bleibt, ob es sich bei dem Zeichentrick lediglich um eine zweite Bildebene oder um die Einritzung in den lebendigen Körper handelt. In gänzlich gegensätzlicher emotionaler Wendung lässt einen
Donigan Cumming’s „Karaoke“ den Atem stocken. Die bewegten Bilder von einem alten Mann in extrem nahen Aufnahmen, die jede Pore des sterbenden Körpers sichtbar machen, werden in krassem Kontrast akustisch mit der Karaoke-Performance eines sehr jungen Menschen montiert; gelegentlich scheint ein Fuß des Sterbenden im Rhythmus des trivialen Liedes zu wippen.
Den Punkt, an dem die einkanalige Videokunst, das einzelne Magnetband oder die DVD, am meisten zu sich selbst als besonderes Medium kommt, umkreisen zwei Arbeiten, die nicht nur deshalb so gegensätzlich sind, weil zwischen ihren Entstehungszeiten ein Vierteljahrhundert vergangen ist,
Bjørn Melhus’ „No Sunshine“ von 1997 und
Peter Weibels „Switcher Sex“ von 1972. In beiden Videos agieren wirkliche Darstellerkörper, und zugleich erzählen sie von einer Welt, in der es den identifizierbaren autonomen Einzelnen nicht mehr geben soll. Melhus klont sich digital selber gleich vierfach und inszeniert das vor Pop-Kitsch triefende imaginäre Innenleben eines (Mutter?)Körpers, innerhalb dessen es nur noch triviale und narzisstische Beziehungen geben kann. Weibel vervielfältigt anmutige nackte Frauen, die offensichtlich für den Künstler vor der Kamera posieren, überblendet sie und reiht sie zu einem unendlichen Angebot für die männliche Sehn-sucht auf, in rohem und oft unscharfem Schwarz-Weiß - es ist die Zeit, als gerade einigermaßen erschwingliche semi-professionelle Videorecorder auf den europäischen Markt kommen.
Berlin, Oktober 07
Prof. Siegfried Zielinski
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Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe
Center for Art and Media Karlsruhe
“Ihre Sammlung ist in der Tat von höchster künstlerischer Qualität und gibt ein reichhaltigeres Bild des Körpers und seinen Dimensionen als sonstige Sammlungen.
Dazu kann man Ihnen aufrichtig gratulieren.“
Prof. Peter Weibel, Vorstand ZKM
November 2007
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